II. Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

von den Iberern bis zur Neuzeit
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II. Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von CBF-Team »

Mediterraner Baustil zeichnet sich durch Verwendung bestimmter Elemente, Materialien und Farben aus. Ein typisches Merkmal spanischer Architektur sind Arkaden/Rundbögen. Wir wollen in den nächsten Beiträgen die baulichen Unterschiede zwischen "Riurau", "Naya" und "Porche" aufzeigen. Diese Bezeichnungen werden selbst von Spaniern oftmals synonym verwendet, obwohl sie nicht gleichbedeutend sind.


Teil I - Riuraus*)

"Riuraus" sind typisch für die ländliche Architektur der Küstenregion der Region Valencia und "einzigartig in der Welt". Man findet sie dort, wo Wein angebaut wird: vorwiegend im Marina-Alta-Kreis (Provinz Alicante), in Gata de Gorgos, Benitachell, Dénia, Xàbia oder Llíber. Aber auch in La Safor (Barx, Alfahuir, Almiserà, Castellonet de la Conquesta, Xeresa usw.) und im Valle de Albaida sieht man heute noch Riu-Raus.
K800_Riurau, angebaut Jávea.JPG
Die niedrigen, einzeln stehenden, manchmal auch an Bauernhäusern angebauten landwirtschaftlichen Gebäude haben ein Pult- oder Satteldach. Sie sind rechteckig, an drei Seiten geschlossen und nur nach Süden oder Westen hin geöffnet. An der zur Sonne ausgerichteten Längsseite befindet sich der charakteristische Bogengang mit drei bis elf Rundbögen. Wettergeschützt werden hier landwirtschaftliche Geräte unterbracht und im Spätsommer Weintrauben, aber auch Mandeln getrocknet.
K800_außergewöhnliche runde Ziegelsteine an den Säulen - Riurau in Lliber.JPG
Basierend auf einem Artikel des Calper Autors Andrés Ortolá El riurau de Rafol lässt sich über die Geschichte der Riuraus folgendes berichten:

Die Riuraus wurden früher und teilweise sogar noch heute für die Herstellung von Rosinen verwendet. Nachdem die Weintrauben überbrüht wurden, legte man sie auf cañizos (Matten aus Rohrgeflecht) und ließ sie während des Tages in der Sonne trocknen. Der Riurau diente als Schutz vor Feuchtigkeit, denn während des gesamten Verarbeitungsprozesses der Rosinen waren die klimatischen Verhältnisse von besonderer Bedeutung. Regen und Feuchtigkeit sind die schlimmsten Feinde der Rosine und können die gesamte Ernte zunichte machen.
Mehr über die Herstellung von Rosinen im Bericht über die Weinlese im Vall de Pop.
K800_Cañizes.JPG
Die Riuraus wurden ab Ende des 18. Jahrhundert aus Naturstein, Lehm und Kalk gebaut, die Innenseite der Bögen waren manchmal aus Tosca-Stein, aber meist wurde gebrannter Ton verwendet. Die Deckenbalken waren gewöhnlich aus Pinienholz und wurden mit Geflecht aus Schilfrohr belegt. Dabei wurden die einzelnen Schilfrohre mit einer Schnur aus Espartogras verbunden und die gesamte Konstruktion mit Lehm abgedeckt und mit arabischen Dachpfannen (tejas árabes) gedeckt.
Jesus Pobre 003.jpg
Damit der Riurau über eine optimale Belüftung verfügt, gibt es an der Nordseite einige vertikale Fenster. In Verbindung mit den nach Süden ausgerichteten Bögen entsteht so eine gute Luftzirkulation. Es gibt aber auch Riuraus, die an beiden Längsseiten offen sind.
K800_Riurau, angebaut Lliber DSC_0477 (2).JPG

Im 19. Jahrhundert bis zum beginnenden 20. Jahrhundert erlebte die die Verarbeitung der Rosinen einen großen Aufschwung. Sie wurden hauptsächlich nach England verschifft. Die Reblaus-Plage um 1908-1912, der erste Weltkrieg und die Konkurrenz der Rosinen aus der Gegend des griechischen Korinth (kleiner, ohne Kerne und mit weicherer Haut) bedeuteten das Ende des Rosinen-Handels, und die Riuraus begannen zu verfallen.
K800_hist. zw. Jávea und Gata, TEILANSICHT Toscabögen.JPG
Heute sieht man in vielen Gegenden der Costa Blanca leider nur noch wenige, gut erhaltene Ruinen der früheren Riuraus.

Seit 2007 setzen sich Organisationen, wie "Riuraus Vivos" in Jésus Pobre und die "Asociación de Vecinos del Camino del Cementeri" in Jalón und “El Runar” in Benissa dafür ein, die einzigartigen Riuraus vor dem Verfall zu schützen und als lokales Kulturgut (bienes de relevancia local) oder sogar als Weltkulturerbe (Patrimonio de la Humanidad) zu erhalten. Ähnliche Bauten in Italien wurden bereits von der UNESCO anerkannt.
K800_Riurau del Bancal Roig, Museum.JPG
K800_Museum.JPG

Die Riuraus "El Gran Riurau d'Arnauda" in Jávea (56,6 m lang) sowie "El Gran Riurau del Senyor de Benissadeví" in Jésus Pobre wurden durch Bürgerinitiativen vor dem Abriss bewahrt, indem man sie an alter Stelle ab- und an neuer wieder aufbaute.
Jesus Pobre 011.jpg
Jesus Pobre 008.jpg

Bekannte Riuraus in der Marina Alta:
  • El riurau de Benarrisc, Teulada
  • El Riurau Gran, Jesús Pobre (Dénia)
  • El Riurau Llarg, Benibrai (Xaló)
  • El riurau de les Ferranes, La Solana, (Xaló)
  • El riurau del Servet, construït l'any 1801,(Xaló)
  • El riurau de la Durana, Benibrai (Xaló)
  • Els riuraus del centre urbà de Llíber
  • El riurau de la Torra, el Poble Nou de Benitatxell
  • El riurau dels Agostinos, el Poble Nou de Benitatxell
  • El riurau del Cabrera, Partida de Senioles (Xàbia)
  • El riurau dels Benimelis, Partida de Mesquida, Xàbia
  • Els riuraus de l'entrada de Parcent
  • El riurau de Bonaire Benissa
K800_Bonaire Benissa.JPG

*) Der valencianische Historiker Nicolau Primitu Gómez Serrano (1877 - 1971) hat in einem 1933 veröffentlichten Artikel geschrieben: "Riurau, no riu-rau. No sabem perquè alguns escriuen d'esta darrera forma, car es tracta d'una sola paraula, no composta per més d'una arrel." Frei übersetzte Quintessenz: Es heißt riurau und nicht riu-rau. Wir wissen nicht, warum manche die letzte Schriftform wählen, da es sich nur um einziges Wort handelt und nicht aus mehreren zusammengesetzt wurde.
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baufred
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von baufred »

... ¡Enhorabuena y Gracias! ... schönes Thema :>

... soweit bin selbst ich nicht in die spanische Baugeschichte/lokale Besonderheiten eingestiegen ... im Moment liegt nach wie vor mein Schwerpunkt im "Castellano" und seinen "Stolperfallen" ... :mrgreen:
Saludos -- baufred --
sol
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von sol »

Dazu : wir haben 1999-2004 so eine Art RIURAU- Haus unser eigen nennen können:


Bild

vorn nach Westen-die Seite nach Süden-- es war herrlich, die durchgehende Luft und die Abendsonne zu genießen.
Als wir vor 2 Jahren mal dort waren-- alles verglast-wie so viele derartig gebaute Villen - und dann wird gejammert:
" auf der Terasse waren heute 70°- wie im Auto" - die alten Spanier wussten schon, was sie taten.
--ein schöner Artikel- erweitert meine Erkenntnisse

Saludos Wolfgang
Gruss Wolfgang
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von CBF-Team »

Teil II - Nayas

Die Naya ist ein typischer Vorbau spanischer Landhäusern in der Region Valencia, man findet sie vorwiegend in dem Landkreis Marina Alta. Die rustikale Bauweise der Naya (auf val. Naia) ähnelt der des Riurau. Die Bezeichnungen werden von Ortsfremden oft durcheinandergebracht, aber die Gebäude haben unterschiedliche Funktionen, auch wenn beide Rundbögen*) aufweisen.
Naya rechts, Riurau links DSC_0479.JPG
Während die Riuraus rein landwirtschaftlichen Zwecken dienen, sind die Nayas Vorbauten an weiß gekälkten oder aus Naturstein gebauten casas de campo (Landhäuser), um deren Eingangsbereich vor Sonne und Regen zu schützen.
K800_DSC_0372 typisch.JPG
naya bei neugebauten Landhaus.JPG
Naya versetzt zum Haupthaus angebaut.JPG
Das Dach der Naya liegt meistens auf drei bis fünf ellipsenförmigen Bögen, von denen der mittlere Bogen meist breiter ist als die seitlichen. Die runden oder quadratischen Pfeiler sind aus Natur- oder Ziegelsteinen.

Doch diese überdachte Terrasse hat noch weitere Aufgaben als nur den Eingangsbereich zu schützen: Unter ihrem Dach werden Weintrauben und andere Früchte des Feldes getrocknet und weiterverarbeitet, doch nicht nur das. Die Naya ist erweiterter Wohn- und Lebensraum in der heißen Jahreszeit und an freien Tagen Treffpunkt für die Familie und Freunde. Hier wird gegessen, Siesta abgehalten und die Freizeit verbracht. Meistens befindet sich auch ein Horno (Backofen) an der geschlossenen Seite des Vorbaus.
naya Treffpunkt DSC_0497.JPG
naya, so wie sie früher war DSC_0468.JPG
Sogar die zugezogenen Ausländer haben ihre Liebe zu den charakteristischen Gebäuden in den Feldfluren der Marina Alta und das einfache Landleben vor vielen Jahren für sich entdeckt. Selbst Strom- und Wasserprobleme nehmen sie in Kauf, um dort ihren Urlaub zu verbringen oder ganzjährig zu wohnen, denn längst nicht überall gibt es Wasser- und Stromanschluss. Um weiteren Wohnraum in der Winterzeit zu gewinnen, wurden viele dieser Nayas nachträglich verglast.
Naya 4verglast.JPG
Eine Naya ist das Schmuckstück dieser Landhäuschen; ein auffälliges Merkmal sind die gefärbten Umrandungen um Fenster und Türen in den Farben Rot, Blau oder Orange, die man heute immer seltener findet. Besonders hübsch sind Nayas mit maurischen Bemalungen.
K800_umrandete Fenster.JPG
naya arabisch angehaucht DSC_0503.JPG
Naya arabischer Einfluss DSC_0484.JPG
Doch wohin gelangt man von der Naya?
Von der überdachten Terrasse betritt man direkt das Wohnzimmer, in dem es einen Kamin gibt und eine Treppe, die nach oben in die Mansarde (desván) führt. Der desván dient als Vorratskammer, Speicher und manchmal auch als Schlafraum.
Neben den ein bis zwei Schlafzimmern verfügen die Landhäuser über eine Küche, die oftmals noch einen zusätzlichen Backofen hat, wenn der horno in der Naya nicht ausreicht/e.

Hinter dem Haupthaus befindet sich meist noch ein Patio, der ringsherum mit hohen (Naturstein-)Mauern umgeben ist. Darin wurden früher Tiere gehalten (Schafe, Hühner, Kaninchen) und auch der Pflug und andere landwirtschaftlichen Geräte für die Bewirtschaftung der Felder finden dort ihren Platz.
Naya ohne Rundbögen an neuen Landhaus DSC_0470.JPG
*) Es gibt allerdings auch Nayas, deren Dächer stehen auf Pfeilern ohne Rundbögen.
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girasol
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von girasol »

Hallo, ihr zwei,

vielen Dank für diesen ausführlichen Ausflug in die spanische Architektur - da steckt viel Arbeit dahinter.

Gruß
girasol
Die Welt ist ein Buch und wer nicht reist, liest davon nur eine Seite.
Aurelius Augustinus
Albertine
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Albertine »

Liebe Elke, liebe Margit,
ich möchte mich Girasol anschließen. Die bauliche Darstellung eines Riurau's und einer Naya ist sehr eindrucksvoll.
Aufschlußreich sind die jeweiligen Fotos dazu. Ich habe viel dazugelernt. Herzlichen Dank Euch Zwei, für soviel Recherche
und Arbeit.
Saludos von Albertine
sol
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von sol »

Hallo ihr zwei

welche Arbeit und Liebe stecken in Euren Ausführungen und ich als Gebäudenarr
der das besondere liebt- wie das Rathaus in Cartagena z.B. habe das genossen.
nebenbei: dann war unser Häuschen mit einer Naya versehen- was gelernt. Danke.

Liebe Grüße Wolfgang
Gruss Wolfgang
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Oliva B.
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Oliva B. »

sol hat geschrieben:nebenbei: dann war unser Häuschen mit einer Naya versehen- was gelernt. Danke.
Vielen Dank für eure Streicheleinheiten. :*
Und zu deiner schönen "Naya", Wolfgang, die du uns ja schon gezeigt hast, kommen wir im dritten Teil :-D

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Albertine
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Albertine »

Ich freu' mich drauf und bin schon sehr gespannt. :roll:
Ich bin ja schon jeck und ein wenig forum-süchtig. Immerzu muß ich zwischendurch mal eben im
Forum nach Interessantem sehen. Sei es zwischen Näharbeiten - so wie jetzt - oder anderen Tätigkeiten. Meine
Nähmaschine macht ständig tock, tock, tack, tick - Forum, Forum, Forum..... Bis gleich.
Saludos von Albertine
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Oliva B.
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Oliva B. »

Albertine hat geschrieben:...Ich bin ja schon jeck und ein wenig forum-süchtig. Immerzu muß ich zwischendurch mal eben im Forum nach Interessantem sehen. Sei es zwischen Näharbeiten - so wie jetzt - oder anderen Tätigkeiten. Meine
Nähmaschine macht ständig tock, tock, tack, tick - Forum, Forum, Forum..... Bis gleich.
Saludos von Albertine
Genauso soll es doch bestenfalls sein, Albertine, oder? ;)
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