Späte Wiedergutmachung für vertriebene Juden in Spanien

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Oliva B.
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Re: Späte Wiedergutmachung für vertriebene Juden in Spanien

Beitrag von Oliva B. » So 9. Mär 2014, 16:25

Ich wundere mich, dass dieses Thema im Forum noch nicht diskutiert wurde, es ist ja mittlerweile fast 4 Wochen alt.
Offtopic:
Aber scheinbar war jeder Sack Reis, der in China oder auch im Forum umfiel, interessanter. Dieser kleine Pieks in Bezug auf "ungewollte politische Themen" in diesem Forum sei mir vergönnt, über Spanien kann man so vielschreiben, da müssen wir nicht Themen vorziehen, die in anderen politischen Foren besser aufgehoben sind.
Interessant fand ich diesen englischsprachigen Artikel, welcher u.a. der Frage nachgeht, warum so viele spanischstämmige Juden anscheinend Wert darauf legen, einen spanischen Pass zu erhalten. Nachdem die Absicht der spanischen Regierung publik wurde, kursierte in Israel bereits eine Liste mit 5200 sephardischen Namen. Rund 3.5 Millionen Nachfahren spanischer Sepharden leben verstreut über den Globus. (Im Vergleich: Man schätzt, dass im 15. Jahrhundert 200.000 bis 300.000 Juden aus Spanien vertrieben wurden). Die "Federation of Jewish Communities in Spain", erhielt mehr als 5.000 Anfragen auf Ausstellung eines spanischen Passes.
Ich selbst stellte mir die Frage, ob es eher die Älteren sind, die im fortgeschrittenen Alter aus sentimentalen Gründen in die Heimat ihrer Vorfahren umsiedeln möchten? Mitnichten.

So erklärte ein Nachkomme von Joseph Karo/Yosef Caro, das war einer der einflussreichsten Gelehrten in Spanien, der im Alter von 4 Jahren aus Spanien vertrieben wurde, und dessen Familie über Portugal, Cypern, der Türkei und Chile bis hin nach Israel getragen haben), dass er die Staatsbürgerschaft beantragen würde, obwohl er keine Pläne hätte, nach Spanien zu gehen. Er ist der Meinung, dass auch nach 500 Jahren noch eine Bindung zu Spanien bestünde, sein Vater hätte noch eine Sammlung von über 150 Musikaufnahmen, gesungen auf Ladino (einer jüdisch- spanischen mittelalterlichen Sprache, Atze berichtete bereits darüber).

Maya Weiss- Tamir, eine bekannte israelische Anwältin, hat allein über 1.000 Anfragen aus den USA, Israel und auch aus Europa erhalten (angeblich sollen in Madrid schon 3.000 Anträge vorliegen), weil (und darauf bin ich noch nicht gekommen), besonders die junge Generation in Europa arbeiten und leben möchte.

Anmerkung: Die meisten sephardischen Juden, deren Vorfahren aus Spanien vertreiben wurden, leben heute in Israel, Frankreich, der Türkei, den USA oder in Lateinamerika.

Ich persönlich glaube weniger, dass sie dabei das krisengeschüttelte Spanien, wo jeder Vierte arbeitslos ist, im Visier haben, sondern sie möchten den spanischen Pass für die Freizügigkeit innerhalb der EU verwenden.

Spanien gewährt sephardischen Juden, die ihre spanischen Wurzeln nachweisen konnten, schon länger die spanische Staatsbürgerschaft.
Zitat:
  • " Schon seit Jahren ist es sephardischen Juden möglich, die spanische Staatsbürgerschaft zu beantragen, allerdings über ein langwieriges und kompliziertes Prozedere. Die Antragsteller mussten nicht nur ihre bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben, sondern auch für den Zeitraum von mindestens zwei Jahren einen Wohnsitz in Spanien nachweisen."
Quelle.
Doch die Sache hat einen Pferdefuß:: Mit Erhalt der spanischen Staatsbürgerschaft, muss die aktuelle aufgegeben werden.

Doch auch kritische Stimmen werden laut: Das Angebot käme zu spät. 1938 hätten die spanischen Juden gern das Angebot angenommen, und auch Josh Nathan-Kazis, ein 28-jähriger Journalist der in New York ansässigen "Jewish Daily Forward" entschied sich gegen die spanische Staatsbürgerschaft, nachdem er im letzten Jahr 10 Tage bei einem Arbeitseinsatzes in Spanien verbracht hatte.

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Re: Späte Wiedergutmachung für vertriebene Juden in Spanien

Beitrag von Cozumel » So 9. Mär 2014, 17:20

Man muss nur Kishon lesen, dann weiss man warum manche Juden aus Israel wegwollen. ;)

Aber im Ernst, die Ultraorthodoxen Juden machen das Leben dort immer schwieriger.
Viele wollen das nicht mehr hinnehmen.
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Wenn es morgens um sechs Uhr an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe.

Winston Churchill

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Re: Späte Wiedergutmachung für vertriebene Juden in Spanien

Beitrag von Montemar » So 9. Mär 2014, 18:49

Offtopic:
Mich wundert es nicht, denn bei etwas „heiklen“ Themen finden sich meist nur Schreiber, wenn sie von den Admins ins Forum gestellt werden. Ja es läßt sich sehr viel schreiben über spanische Themen, auch über weniger schöne, von denen auch noch einige offenstehen ;)
Anmerkung: Die obige Diskussion wurde an dieser Stelle fortgesetzt.
Die spanische Gesetzesreform wird eine doppelte Staatsbürgerschaft erlauben. Eine solche Möglichkeit gewährt Spanien derzeit nur Menschen aus Lateinamerika. Außerdem verspricht die Regierung in Madrid eine unkomplizierte Regelung. Die Antragsteller müssen ihre Abstammung von einem Rabbiner und der Spanischen Föderation der Jüdischen Gemeinden beglaubigen lassen. Möglicherweise müssen die Antragsteller auch beweisen, daß sie „Ladino“ beherrschen, die sephardische Sprache. Je deutlicher die Abstammung nachgewiesen sei, desto schneller werde dem Antrag stattgegeben.

Obwohl die Sepharden in Israel die Mehrheit stellen, fallen sie sozioökonomisch hinter die europäischen Juden zurück, die einst das Land gründeten. Noch nie regierte ein sephardischer Ministerpräsident das Land, die aschkenasischen Juden verdienen mehr und dominieren wichtige gesellschaftliche Bereiche, wie die Universitäten. In den vergangenen Jahren haben sich viele Israelis um ausländische Pässe bemüht. Ein Pass aus einem EU-Land ermöglicht es ihnen, in allen 28 Ländern der Union zu arbeiten. Darüber hinaus verschafft er ihnen Zugang zu einer hochwertigen und staatlich subventionierten Ausbildung. Hinzu kommt eine dauerhafte Bedrohung Israels durch Länder wie den Libanon und Syrien. Mancher Bürger fühlt sich wohler mit einem EU-Pass, einer Ausweichmöglichkeit, sollte die Lage in der Region eskalieren.
Zuletzt geändert von Oliva B. am Do 13. Mär 2014, 15:41, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Anmerkung eingefügt.
„Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt?" Ernst R. Hauschka

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Re: Späte Wiedergutmachung für vertriebene Juden in Spanien

Beitrag von Oliva B. » Do 13. Mär 2014, 16:00

1492 wurden die Juden, die 1422 in Spanien lebten, aus dem Land vertrieben, die Mauren, die von 711 Spanien gelebt haben, mussten zwischen 1609 und 1615 Spanien unter ähnlichen Umständen Spanien verlassen. Auch sie mussten, genauso wie die Juden, Hab und Gut zurücklassen, wurden wie Vieh zusammengetrieben, auf Schiffe verladen und ins unbekannte Exil transportiert.

Meine bewusst provokative Frage:

Müsste der spanische Staat aus Gründen der Gleichbehandlung nicht auch den vertriebenen Muslimen spanischen Ursprungs die doppelte Staatsbürgerschaft anbieten?


Wir haben zu Beginn des Threads nur zwischen Aschkenasim und Sephardim unterschieden und die orientalischen Juden den Sepharden zugeordnet. Dazu noch ein Nachtrag:

Vor dem 2. Weltkrieg gab es weltweit 16 bis18 Millionen Juden, heute leben auf allen Kontinenten nur noch 13 bis 15 Millionen von ihnen, 4/5 davon in den USA und Israel.

Das Judentum ist eine Glaubensgemeinschaft, doch ihre Gläubigen haben keine gemeinsamen ethnischen Ursprünge. So gibt es
  1. 1. Aschkenasim (Juden ost-, mittel- und westeuropäischer Herkunft)
    2. Sephardim (Juden spanischer oder portugiesischer Herkunft).
    Juden, die ihre Herkunft von spanischen Juden nachweisen können, nennen sich sephardi tahor (reine Juden), um sich von den orientalischen Juden, die von vielen auch als Sepharden bezeichnet werden, abzugrenzen.
    3. Misrachim oder mizrahim (Juden orientalischer, also arabischer, iranischer indischer und sonstiger Herkunft), folgen sephardischen Regeln und Riten.
    4. Äthiopischen Juden, (die meisten äthiopischen Juden, ca. 100.000, leben heute in Israel. Sie wurden erst 1973 von den Sepharden als Juden anerkannt, in ihrem Ursprungsland zählen sie nur och ein paar Hundert.Quelle
Quelle mit weiteren Hintergründen Erläuterungen über die Herkunft.

Nach der zweiten Tempelzerstörung in Jerusalem durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. wurden die Juden in alle Welt verstreut. Viele zog es nach Spanien, wo es ihnen unter den islamischen Herrschern besser ging als in christlichen Ländern. Spanien entwickelte sich zur Hochburg des Judentums. Viele bekannte Gelehrte, Wissenschaftler und Schriftsteller stammten aus Spanien. Lt. Edikt vom 29.4.1492 standen 200.000 Juden in Spanien, ohne Rücksicht auf ihre Stellung, vor der Wahl, ihre Heimat am 30. Juli 1492 zu verlassen oder sich zwangstaufen zu lassen. Von den Bekehrten, den "Conversos", übten viele ihre Religion heimlich aus, die meisten Juden flüchteten jedoch ins Ausland. Dort konnten die Sepharden ihre Vormachtstellung im Judentum bis 1650 halten. Bis dahin standen 500.000 Aschkenasen 1,5 Million Sepharden gegenüber. Im 20. Jahrhundert waren 85 Prozent aller Juden Aschkenasen, nur 15 Prozent waren Sepharden, darunter nur noch wenige reine, also spanischstämmige Sepharden.
Ein Teil der genannten Daten habe ich dieser Quelle entnommen, nach der innerhalb des Judentums immer noch großen Wert auf die ethnischen Unterschiede gelegt wird. In Israel sollen nach der zuletzt genannten Quelle noch 700.000 sephardische Juden leben, in Frankreich 330.000 und in den USA nur noch ein Prozent, das entspricht 60.000 Sepharden.

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