So nah und doch so fern: MARRAKESCH
Verfasst: Di 8. Feb 2011, 10:33
„Wie? Du fliegst nach Marrakesch? Klasse, da wollte ich immer schon mal hin.“
So oder ähnlich haben wir es vor unserer Abreise immer wieder gehört.
Wir merkten, dass die Wüstenstadt im Moment wohl „hip“ sein muss.
Künstler, Stars und Sternchen aus aller Welt jetten nach Marokko. Unsere erste und einzige Stippvisite liegt satte 30 Jahre zurück. Seitdem stand für uns fest, dass wir noch einmal wiederkehren würden in diese prickelnde Mischung aus Abend- und Morgenland und waren gespannt, ob sich dort seitdem genauso viel verändert hat wie in Spanien, das sich in den vergangenen Jahrzehnten vom Agrarland zum Industrieland gemausert hat.
Obwohl das Königreich im Norden Afrikas nur durch eine 14 Kilometer schmale Meerenge vom spanischen Festland getrennt ist, trotz dieser räumlichen Nähe zu Europa landen wir bei unserer Ankunft in einer völlig anderen Welt…
Der Flug mit Ryanair verlief problemlos, denn ihr habt mit euren Berichten dafür gesorgt, dass wir mit unserem Koffergewicht und der Größe des Handgepäcks den strengen Bestimmungen dieser Airline genügten. Ohne Reklamation passierten wir die zahlreichen Kontrollen.
Am Flughafen wartete schon der Fahrer des Hotels auf uns - und ab ging die Fahrt in die City von Marrakesch zu einem Riad im Kasbah-Viertel. Das Hotelchen mit nur 5 Zimmern sollte unsere Unterkunft für die nächsten 5 Tage sein. Beim Betreten des Hauses empfing uns ein Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht. „Riads“ sind traditionelle Stadthäuser mit Garten und Springbrunnen im Innenhof (wie ein maurischer Patio), ehemalige Paläste oder Wohnsitze von Wesiren, Paschas oder reichen Händlern. Zahlreiche dieser Häuser wurden in den letzten Jahren aufwändig restauriert, individuell eingerichtet und landestypisch dekoriert und dienen nun, mitten im Herzen der Altstadt, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ausländischen Touristen als Herberge.
Wir haben Glück: Unser Zimmer liegt als einziges ganz oben auf der Dachterrasse, die mit schönen Sitzmöbeln und Kissen dekoriert ist.
Unser Riad grenzt an die Mauer eines alten Palastes, der im Mittelalter zu den größten und prächtigsten Palastanlagen des Maghreb zählte.
Und das Highlight? Auf dieser brüchigen Mauer nisten unzählige Storchenpärchen, sechs davon fast zum Greifen nah. Sie sind fleißig dabei ihre Nester auspolstern und kommen mit Zweigen im Schnabel ins Nest zurück, wo sich die Pärchen mit lautstarken Klappern begrüßen. Auch nach dem „Störcheln“ wird ausgiebig geklappert, ob daher der Name Klapperstörche kommt? Störche müssen Rabenblut ins sich haben, denn genauso klauen sie. Wenn eins der Nachbarnester verlassen wird, stürzen sie sich auf die besten und stabilsten Zweige ihrer Nachbarn, um sie zu ihrem eigenen Nistplatz zu schleppen. Dünnere Zweige werden dabei gnadenlos aussortiert und aus dem Nest geschmissen. Werden sie von den wiederkehrenden Nachbarstörchen beim Diebstahl erwischt, werden sie mit Schnabelhieben und lautstarken Klappern vertrieben.
Obwohl unser Riad mitten in der geschäftigen Medina liegt, ist unsere Unterkunft eine Oase der Ruhe, denn das Haus ist nach außen durch hohe, fensterlose Mauern abgeschottet, die Fenster zeigen alle zum Innenhof. Nur die Störche sind zu hören genauso wie der Muezzin, der mehrmals täglich die Gläubigen zum Gebet ruft.
Die frühlingshaften Temperaturen täuschen nicht darüber hinweg, dass auch im Norden Afrikas zurzeit noch Winter herrscht und es nachts noch ordentlich kalt wird. Heizungen sind so gut wie unbekannt, es gibt Klimaanlagen, die auf „heizen“ umgestellt werden können. Doch sie wärmen die kühlen Räume kaum, zum Schlafen braucht man zahlreiche dicke Decken. Auch Warmkuscheln ist hilfreich.
Unser Hotel liegt in einer engen, dunklen Seitengasse mitten in der Medina. Nach wenigen Schritten sind wir mitten im brodelnden Verkehr. Aus dem Nichts heraus flitzen Fahrradfahrer vorbei, wir müssen aufpassen, nicht von Kutschen umgefahren zu werden, die von Eseln, Maultieren oder Pferden gezogen werden.
Beige Taxis scheuchen mit lautem Hupen Touristen an die Seite, Handkarren werden mitten auf der Straße von Menschen gezogen und geschoben und hindern den Verkehrsfluss, überall knattern Motorräder. Wir Landeier kommen uns vor wie in einem Hornissenschwarm - es stinkt nach Abgasen und Unrat und es ist laut.
- Ende Teil 1 -